Rezensionen: Der Kanzleimarkt in Deutschland

Auswertungen der Umsatzsteuerstatistik: endlich objektive Zahlen zu Kanzleien!

Rezension von Prof. Dr. Benno Heussen:

Vaagt/Zulauf: Der Kanzleimarkt in Deutschland,

C. H. Beck 2017,132 Seiten, 169 €

13.08.2017

Christoph Vaagt (viele Jahre auch Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Kanzleimanagement im DAV) und Thorsten Zulauf haben nach früheren Untersuchungen (2011/2016) eine weitere aktuelle Studie über die Struktur von Anwaltsunternehmen in Deutschland vorgelegt. Dahinter stecken nicht nur umfangreiche Auswertungen von Zahlen, Daten und Statistiken (anschaulich: 89 Charts), in deren Zentrum die Umsatzsteuerstatistik steht und so als Prüfstein für andere statistische Aussagen eingesetzt wird; die Ergebnisse spiegeln auch die Einsichten wieder, die die Autoren aus ihrem Consultinggeschäft mitbringen (woraus sich auch der Preis der Studie erklärt).

Anders als wir es sonst gewöhnt sind, differenziert die Studie zwischen vier Segmenten, die sich an den jeweiligen Zielgruppen orientieren, für die Anwälte tätig sind: Private Mandanten, kleine und mittlere Unternehmen, der größere Mittelstand und schließlich die Konzerne. In jedem dieser Segmente gelten andere Stundensätze: Private Mandanten akzeptieren im Durchschnitt höchstens 150 €, Konzerne hingegen 300 € und mehr. Wer in einer Fachanwaltsboutique tätig ist, kann höhere Stundensätze berechnen als ein Allgemeinanwalt und so die Grenzen zwischen den Segmenten überschreiten. Aber im Großen und Ganzen findet der Wettbewerb innerhalb der einzelnen Segmente und nicht zwischen ihnen statt (wie man früher häufig pauschal behauptete). Die Studie ist nicht immer leicht zu verstehen, und die Behauptung, dass »IBM Watson…..schon heute schnellere, billigere und fehlerfreie Due Diligence, Urteilsentscheidungen oder sonstige juristische Sachbearbeitungen durchführen kann, als jede Kanzlei«, scheint mir verfrüht – gibt aber Anlass genug, die Tendenz zu verfolgen. Wir sehen jedes einzelne Segment innerhalb eines definierten Rasters, das die Einkommensentwicklung, aber auch die Herausforderungen der Zukunft, strategische Überlegungen und Optimierungsmöglichkeiten umfasst. Jeder Anwalt erfährt so etwas über die Rahmenbedingungen, denen er selbst und seine Konkurrenten im Markt unterliegen. Zum Schluss folgen Übersichten über globale Trends im In – und Ausland. Die Autoren zeigen uns neue Sichtweisen auf den Anwaltsmarkt, die für die Zukunftsplanung in jedem Segment unverzichtbar sind.

Objektive Daten für Kanzleiführer: eine Rezension von Andreas-Schnee-Gronauer

Wer sich mit der betriebswirtschaftlichen Steuerung von Kanzleien auseinandersetzt, ist auf Zahlen angewiesen. Eine besondere Schwierigkeit ist, dass häufig Vergleichszahlen fehlen, die als Benchmark dienen können, um Stärken, Schwächen und Verbesserungspotenziale der Kanzlei zu erkennen.

Das statistische Berichtssystem für Rechtsanwälte (STAR) das seit 1993 vom Institut für Freie Berufe (IFB) im Auftrag der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) durchgeführt wird, liefert hier wertvolle Hinweise, basiert allerdings auf eigenen Angaben der Kanzleien 1993. Das gilt auch für die vom JUVE-Verlag veröffentlichten Kennzahlen der deutschen TOP-100 Kanzleien.

Christoph Vaagt und Thorsten Zulauf haben nun umfangreiche objektive Umsatzsteuerdaten des statistischen Bundesamtes ausgewertet und auf dieser Grundlage eine umfassende Analyse des Kanzleimarktes in Deutschland vorgelegt.

Das im C.H. Beck-Verlag erschienene Werk beginnt mit einer differenzierten Darstellung des Marktes im Hinblick auf die Entwicklung der Kanzleigrößen, Rechtsformen, des Umsatzes und Einkommens im Zeitverlauf. Diese Daten werden den Ergebnissen diverser Studien zu den künftigen Entwicklungen im Anwaltsmarkt gegenübergestellt.

Aus diesen Daten leiten die Verfasser vier Marktsegmente ab: das Marktsegment der Kanzleien mit überwiegend Privatmandanten, der KMU-Kanzleien, der mittelständischen Kanzleien und dem Marktsegment der Konzerne. In jedem ihrem Marktsegment werden weitere Teilsegmente gebildet so das insgesamt zehn Kanzleitypen unterschieden werden. Daneben werden Spezialsegmente wie Patentanwaltskanzleien, die Rechtsarme von Wirtschaftsprüferkanzleien, Nur-Notariate oder Insolvenzverwalterkanzleien dargestellt.

Zu den einzelnen Kanzleitypen werden jeweils zunächst objektive statistische Daten etwa zur jeweiligen Anzahl der Kanzleien, den durchschnittlichen Umsätzen, der Personalstruktur, Umsatz und Gewinn je Partner, dem Verhältnis von Gewinn zu bestimmten Aufwandspositionen, insbesondere Personalaufwand dargestellt.

Auf dieser Grundlage arbeiten Vaagt und Zulauf – beides erfahrene Kanzlei-Berater - werden für die jeweiligen Kanzleien die Herausforderungen herausgearbeitet, die es in Zukunft zu lösen gilt.

Für strategische Überlegungen in der Kanzleiführung ist besonders hilfreich, dass zu jedem Marktsegment auch die generellen Trends und deren Auswirkungen für den entsprechenden Kanzleityp und deren Auswirkungen auf die interne Struktur der Kanzleien dargestellt werden. Außerdem werden jeweils in einer tabellarischen Übersicht für die Kanzleien in dem jeweiligen Segment die Optimierungsmöglichkeiten und die wichtigsten Differenzierungskriterien im Wettbewerb zusammengefasst. Die Darstellung wird durch insgesamt 89 Abbildungen abgerundet.

Insgesamt ist das Werk eine außerordentlich hilfreiche Quelle für jeden, der tiefer in die unterschiedlichen Kanzleistrukturen und deren Optimierungsmöglichkeiten einsteigen will, die eigene Kanzlei besser verstehen will oder sich mit strategischen Entscheidungen befasst. Denn, so das dem Buch vorangestellte Motto von William Demming, dem Erfinder des Qualitätsmanagements: ohne Daten haben Menschen nur Meinungen.